... und schon immer war - mit einer Rückschau auf die BNE-Programme
Autor: Hermann Schnorbach
Übermittelt von: Admin   Datum: 10-04-2010 21:19
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Warum BNE in der Grundschule ?

Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) "hat zum Ziel, Schülerinnen und Schülern zur aktiven Gestaltung einer ökologisch verträglichen, wirtschaftlich leistungsfähigen und sozial gerechten Umwelt unter Berücksichtigung globaler Aspekte, demokratischer Grundprinzipien und kultureller Vielfalt zu befähigen." (Empfehlung der KMK und der DUK zur "BNE in der Schule", 2007)
Für das Erreichen des Ziels ist es zentral, dass bereits in der Grundschule erste wichtige Schritte dahingehend unternommen werden.
Jedoch, so Prof. Dr. Gerhard de Haan: "Wir dürfen die Kinder nicht mit den von Erwachsenen verantworteten Problemen nicht-nachhaltiger Entwicklungen, den erzeugten Gefahren, Risiken und Unsicherheiten überfrachten, und müssen dennoch in angemessener Form auf das Leben in der immer komplexer werdenden Gesellschaft vorbereiten."
Die Erfahrungen und Ergebnisse der Programme zur Umweltbildung/Ökologischen Bildung/Bildung für nachhaltige Entwicklung* haben gezeigt, dass BNE ein Handlungsfeld ist, das aus der Grundschule nicht mehr wegzudenken ist. Es ist unsere Aufgabe als verantwortliche Pädagoginnen und Pädagogen, auf folgende entscheidende Frage eine Antwort zu finden:
Was müssen wir alle, was müssen junge Menschen lernen, damit sie in der Lage sind, die Zukunft für sich selbst und für die globale Gemeinschaft im Sinne nachhaltiger Entwicklung zu gestalten?
Die anfängliche Vernachlässigung der Grundschule in den BNE-Programmen wurde als unhaltbar erkannt. So findet die Grundschule in der Empfehlung der KMK und der DUK ausdrücklich Erwähnung. Als Hinweise für die Umsetzung der BNE in der Schule, was gleichermaßen für die Grundschule gilt, führt sie an (S.4):
- Thematisierung in möglichst vielen Fächern
- in fachübergreifenden und in fächerverbindenden Organisationsformen
- als wichtiges Anliegen des Schullebens
- das interdisziplinär angelegte Fach Sachunterricht eignet sich hervorragend für die Vermittlung von BNE-Themen im Primarbereich.

Vor allem die AG Grundschule des Programms "Transfer 21" hat sich intensiv und erfolgreich der Vermittlung von BNE im Primarbereich gewidmet, was sich programmatisch im Titel ihrer Praxisbroschüren wiederspiegelt: "kein Thema für die Grundschule?" - "ein Thema für die Grundschule" - "mein Thema für die Grundschule". Inzwischen ist das Thema Grundschule und BNE im wissenschaftlichen Diskurs angekommen (z.B. vor allem in der Schweiz, Prof. Christine Künzli), und die vielfältige, phantasievolle, vorbildliche Praxis in der Grundschule wird als "Kaleidoskop guter Ideen" verbreitet. In der jungst publizierten Expertise ("BNE in der Grundschule", BMU, Berlin 2009, 46 S.) setzt sich Prof. Dr. Gerhard de Haan, Erziehungswissenschaftler an der FU Berlin und führender Experte in Sachen BNE nicht nur in Deutschland, mit den Bedenken gegen BNE mit Kindern in der Grundschule ausführlich auseinander, lotet das Potenzial aus und beschreibt die Chancen von BNE in der Grundschule und zeigt den Gewinn für die Grundschülerinnen und -schüler. Er arbeitet 7 Hauptthemen heraus (Erneuerbare Energien, Klimawandel, Ressourcenmanagement >Wasser, Abfall, endliche und nachwachsende Rohstoffe<, Ernährung und Gesundheit, Ökosysteme, Biologische Vielfalt und Konsum) (vgl. die entsprechenden Arbeitshefte aus dem BMU) und stellt eine Checkliste mit den 3 Punkten 'Prüfung der Themenwahl, Berücksichtigung von bestimmten Teilkompetenzen, leitende Prinzipien der Unterrichtsgestaltung' auf, die hilfreich für die Planung von Unterricht zu BNE ist.

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1995-1999 Programm "Ökologisch Orientierte Schulen in Hessen",
1999-2004 Programm "BLK 21",
2004-2008 Programm "Transfer 21"
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Grundschulen als Partner in der BNE. Meine persönliche Rückschau als Grundschullehrer, der bei den 3 Programmen von Anfang an dabei war, über den langen Weg zur Akzeptanz der Grundschulen.

In Hessen gab es von 1995-99 das Landesprogramm "Ökologisch Orientierte Schulen", an dem sich 12 Schulen beteiligt haben, darunter waren 2 Grundschulen: die Pestalozzischule in Lampertheim und die Schillerschule in Viernheim. Dem Projektleiter des Landes Hessen, Reiner Mathar, kam es damals darauf an, dass alle Schularten beteiligt sein sollten. Beide Grundschulen waren sich ihrer besonderen Rolle als Grundschule bewusst und engagierten sich sehr in dem Programm ÖOS.
Das bundesweite Programm "BLK 21" (1999-2004) war dann leider nur für Sek I und II konzipiert. Deswegen hat sich z.B. eine Grundschule in Nordhessen nicht beworben, obwohl sie interessiert war und die Kriterien erfüllt hätte. Sie ist später, erst im Programm "Transfer 21" (2004-2008), zu uns gestoßen, nachdem wir lange für sie geworben hatten. Das Land Hessen hat 1999 seine Schulen aus dem Programm ÖOS insgesamt, auch die beiden Grundschulen, in das Programm "BLK 21" überführt. Wir haben uns im Programm "BLK 21" stets für die Beteiligung von Grundschulen stark gemacht mit Argumenten wie: alle Schulstufen im Programm, vorbildliche Arbeit von Grundschulen in pädagogischer und methodischer Hinsicht, Anbahnung von Wissen von Anfang an, keine falsche Heile-Welt-Pädagogik usw. und immer wieder Beispiele guter Praxis geliefert. Die erfolgreiche Arbeit von Grundschulen nicht nur in Hessen rechtfertigte unsere Vorgehensweise und zeigte schließlich Wirkung. Dazu kam als formaler Grund, dass z.B. in Berlin die Grundschulen von Klasse 1 bis 6 reichten und als solche durchaus im Programm BLK 21 drin waren. Es gab genügend gute Erfahrungen mit Grundschulen und ihrer praktischen Arbeit im Bereich BNE, auch international, sodass das Thema Einbeziehung von Grundschulen nicht mehr übergangen werden konnte, wobei das Argument der großen Zahl von Grundschulen angesichts des Ziels des neuen Folge-Programms Transfer 21, 10 % aller allgemeinbildenden Schulen Deutschlands zu erreichen, ebenfalls eine Rolle spielte.
So war es nun kein Problem mehr, die Grundschulen im Programm Transfer 21 zu beteiligen. Jetzt wurde sogar eine eigene "AG Grundschule" gegründet, unter der Leitung Dr. Michael Plesse, an der Vertreter aus vielen Bundesländern teilnahmen, etwa die Hälfte von ihnen waren aktive Grundschullehrerinnen und -lehrer. Die AG wirkte sehr erfolgreich mit beachtlicher Präsenz, Publikations- und Tagungstätigkeit. Vor allem die Unterstützung durch Prof. Christine Künzli, einer Pädagogik-Professorin aus der Schweiz, war sehr hilfreich zur Überwindung von Vorurteilen gegenüber der Grundschule.
Nach dem Ende des Programms "Transfer 21" setzt als Nachfolger der AG Grundschule der "BNE-Bundesarbeitskreis Grundschule: Zukunft gestalten lernen" deren Arbeit fort.
In Hessen haben Angelika Klammt (nach ihrer Weiterbildung im Rahmen von Transfer 21 als BNE-Multiplikatorin) und ich 2008 das "Team BNE-Bergstraße" ins Leben gerufen, das unter dem Motto "Zukunft gestalten lernen – Kompetenzen entwickeln – Schule verändern" Beratung und Fortbildung für Grundschulen durchführt und praxiserprobte Unterrichtsmaterialien (Grundschulkisten zu BNE-Themen wie die Klimawerkstatt ’Ohne Eis kein Eisbär’, Prima-Klima-Frühstück, Schokowerkstatt u.a.m.) entwickelt.
Im April 2012 eröffneten wir die in Deutschland bisher einzigartige "BNE Beratungsstelle Grundschule" an der Eichendorffschule in Heppenheim.
Hermann Schnorbach
(verfasst 2010, ergänzt 2014)

2013 hat Prof. G. de Haan 2013 in einer Fortbildungsveranstaltung für Grundschullehrer in Bayern seinen Vortrag "Kinder haben ein Recht auf nachhaltige Bildung!" betitelt: endlich kommt die Wahrheit ans Licht !